Gewinner Deutschland – Hier lässt die Erderwärmung die Wirtschaft wachsen
Der Temperaturanstieg kennt nicht nur Verlierer, sagt Thomas Mayer
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Mehrere Untersuchungen bestätigen, dass es einen Zusammenhang zwischen Klima und Produktivität gibt. Und dass der Norden profitiert und der Süden weiter unter Druck gerät. Daraus folgt, dass regionale Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel richtig wären. Und keine kopflose Panik.
In ihrem Buch „Die Klimafalle“ erzählen der Klimaforscher Hans von Storch und der Ethnologe Werner Krauß die Geschichte der Verschmelzung von Klimawissenschaft und Politik. Dadurch wurde die Wissenschaft parteiisch, die Politik autoritär – weil sie die Fähigkeit zur Aushandlung von Lösungen verlor –, und die Gesellschaft spaltete sich.
Vor diesem Hintergrund scheint die nüchterne Wirtschaftsforschung kaum noch Gehör zu finden, eignen sich ihre Ergebnisse doch nicht zur Dramatisierung. Das zeigt erneut eine Analyse, die drei Ökonomen der Federal Reserve Bank von San Francisco kürzlich vorgelegt haben.
Dass Hitze und Kälte, also das Klima, einen Einfluss auf Produktivität und Wohlstand haben, sagen uns schon die Wirtschaftsgeschichte und der gesunde Menschenverstand. Hitze erschwert körperliche und Denkarbeit, Kälte zwingt zum Schutz vor ihr.
Dabei dürften die Effekte der Hitze schwieriger in den Griff zu bekommen sein als die der Kälte. Das ist wohl ein Grund – wenn auch nicht der wesentliche –, warum die Menschen in den Ländern des „Globalen Südens“, wo es wärmer ist, im Schnitt weniger produktiv und daher ärmer sind als die Menschen im Norden.
Was folgt aus dieser Einsicht für die künftige wirtschaftliche Entwicklung in einer wärmer werdenden Welt? Gregory Casey, Stephie Fried und Ethan Goode haben Daten zur Lufttemperatur und wirtschaftlichen Entwicklung aus 155 Ländern unter die Lupe genommen, um den Zusammenhang zwischen Veränderungen von Temperatur und realem Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf zu untersuchen.
Dabei steht das BIP pro Kopf sowohl für die Produktivität als auch den Wohlstand eines Landes. Die Temperaturveränderung wirkt sich aller Wahrscheinlichkeit nach auf das Niveau und nicht auf die Wachstumsrate der Produktivität aus.
Verlierer und Gewinner der Erwärmung
Optimal ist eine Temperatur von durchschnittlich 13 Grad Celsius im Jahr. Steigt die Temperatur um ein Grad, würde sich zum Beispiel in Schweden, einem relativ kalten Land, die Produktivität um 0,71 Prozent erhöhen und in Indien, wo es schon heiß ist, um 1,05 Prozent senken.
Die Ökonomen nutzen den gefundenen Zusammenhang, um die Wirkungen eines ungebremsten Temperaturanstiegs um rund vier Grad relativ zum Durchschnitt von 1986 bis 2005 (sogenannter Repräsentativer Konzentrationspfad RCP 8,5 des Weltklimarats) zu prognostizieren. Sie finden, dass das BIP pro Kopf im Jahr 2100 im Weltdurchschnitt um 3,4 Prozent unter dem Wert liegen würde, der ohne Temperaturanstieg erzielt würde.
Für ein übermäßig pessimistisches Temperaturszenario mit beinahe 80 Jahren Laufzeit ist das eine erstaunlich geringe Abweichung. Und es gibt nicht nur Verlierer, sondern auch Gewinner. So dürfte das BIP pro Kopf in kälteren Ländern wie Finnland um sechs Prozent, in Schweden um 4,3 Prozent und in Deutschland um 1,7 Prozent steigen.
Heiße Länder verlieren, von minus 2,1 Prozent in Spanien über minus 8,5 Prozent in Indien bis zu minus zehn Prozent in Benin.
Die prognostizierten Verluste durch einen ungebremsten Temperaturanstieg sind überschaubar und deutlich geringer als im umstrittenen „Stern-Report“ des britischen Ökonomen Nicholas Stern aus dem Jahr 2006. Aber sie stimmen mit den Ergebnissen einer Studie des Internationalen Währungsfonds von 2017 überein.
Auch dort profitiert der Norden vom Temperaturanstieg, während der Süden verliert. Der Klimawandel ist zwar ein globales Phänomen, aber seine Wirkungen sind regional sehr verschieden. Regionale Maßnahmen zur Anpassung sind daher noch wichtiger als die globale Verringerung von Treibhausgasen. Am wichtigsten wäre aber die nüchterne Betrachtung des Klimawandels statt der gegenwärtigen Hysterie.
Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute.
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